Er war acht Jahre alt und wußte nicht recht wie ihm geschah. Doch zwei Bilder hatten sich ihm eingeprägt: Juns Gesicht, das schönste, das er je gesehen hatte, und der gedeckte Tisch im Speisezimmer. Die drei Leuchter, das Licht; der enge Hals der wie Diamanten geschliffenen Flaschen; die mit rätselhaften Buchstaben bestickten Servietten; der Dampf, der aus der weißen Suppenterrine aufstieg; der Goldrand der Teller, das hellglänzende, auf großen Blättern in einer Silberschale angerichtete Obst. Das alles und Juns Gesicht. Sie waren ihm in den Kopf gefahren, diese beiden Bilder, wie die unmittelbare Wahrnehmung eines absoluten, bedingungslosen Glücks. Er würde sie immer bei sich tragen. Denn gerade so haut dich das Leben übers Ohr. Es packt dich, wenn deine Seele noch schläft und gibt dir ein Bild ein oder einen Geruch oder einen Klang, die du nicht mehr loswirst. Und das hier war das Glück. Du merkst es erst hinterher, wenn es zu spät ist. Und schon bist du – für immer und ewig – ein Verbannter. Tausende Kilometer von diesem Bild, von diesem Klang, von diesem Geruch entfernt. Haltlos dahintreibend.

(aus Land aus Glas von Alessandro Baricco)

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Ein Gedanke zu “Land aus Glas

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